"Ich wollte schreien!"
Ein Opfer berichtet
Das Martyrium begann für Scarlett, als sie ein kleines Mädchen war.
Sechs Jahre lang wurde sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht.
Bis heute leidet Scarlett unter dem Verbrechen, das ihr angetan wurde.
Ein normales Leben und eine normale Beziehung zu führen ist, für sie
unmöglich. Wenn sie an ihren Stiefvater denkt, so fühlt sie unendliche
Wut, aber auch Mitleid.
Dunkelziffer sprach mit Scarlett über das Erlebte.
Dunkelziffer: Scarlett, wie alt warst du, als dein Stiefvater dich zum ersten Mal missbraucht hat, woran genau erinnerst du dich?
Scarlett:
Ich war fünf Jahre alt, als der Missbrauch durch meinen Stiefvater
begann. Damals wusste ich nicht, dass es mein Stiefvater ist - für mich
war er mein Vater. Bereits beim ersten Mal war es schlimm, was er tat -
schlimm und falsch. Mein Instinkt sagte mir, das darf er nicht. Ich
glaube, alle Kinder merken das und wissen in ihrem tiefsten Inneren, es
ist nicht richtig, was passiert, können es aber nicht ausdrücken.
Dunkelziffer: Was hast du gefühlt, und hast du dich gewehrt?
Scarlett:
Als Fünfjährige konnte ich mich nicht wirksam wehren. Ich habe immer
gegen ihn gekämpft, ich habe nie alles über mich ergehen lassen. Ich
wollte schreien, ich wollte weglaufen, aber er hielt mir den Mund zu
und hielt mich fest. Er selber hat auch einmal während des Missbrauchs
geweint, hat aber trotzdem weiter gemacht. Er hat mich unter Druck
gesetzt, indem er sagte, das sei alles normal, alle Väter machen das
mit ihren Töchtern, aber ich dürfe niemals darüber sprechen.
Dunkelziffer: Was hat dein Stiefvater mit dir getan?
Scarlett: Heute kann ich darüber sprechen: von Anal- bis Oralverkehr hat er alles mit mir gemacht - es war grauenhaft.
Dunkelziffer: Wie hat sich deine Mutter in dieser Zeit verhalten?
Scarlett: Sie wusste von Anfang an alles, hat mir aber nie geholfen. Ich vermute, sie hatte damals Trennungsängste.
Dunkelziffer: Ist dein Stiefvater für dieses Verbrechen bestraft worden?
Scarlett:
Ja, ich habe meinen Stiefvater später angezeigt. Er wurde verurteilt
und hat eine längere Gefängnisstrafe erhalten. Für mich ist sexueller
Missbrauch das schlimmste Verbrechen, das Erwachsene Kindern antun
können - besonders tragisch, wenn es der eigene Vater ist.
Dunkelziffer: Wie lebst du heute mit der Tat und den Folgen?
Scarlett:
Ich war mehrere Male wegen Unterleibsbeschwerden im Krankenhaus, und
ich erinnere mich ständig an den Missbrauch. Je intimer die Beziehung
wird, umso
bedrohlicher erfahre ich sie. Oft möchte ich weglaufen. Ich habe große
Angst vor Nähe.
Dunkelziffer: Wie sollte deiner Meinung nach Opferhilfe aussehen?
Scarlett:
Es ist sehr wichtig, dass die Kinder sofort einen Therapieplatz
bekommen und nicht wie ich erst nach 11/2 Jahren. Genauso wichtig ist,
dass Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter, die missbrauchte Kinder
betreuen, eine spezielle Ausbildung auf diesem Gebiet bekommen. Es darf
nie passieren, was ich während einer Vernehmung erlebte. Auf die Frage
eines Polizisten, warum ich in einem Heim lebe, antwortete ihm sein
Kollege: "Die ist von ihrem Vater gefickt worden."