Pressekonferenz am 28. Oktober 2019 über das Phänomen der stark zunehmenden Flut von Missbrauchsabbildungen unter Kindern und Jugendlichen

Statement zur Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsabbildungen durch Kinder und Jugendliche - Erfahrungen von Dunkelziffer e.V. aus der Präventionsarbeit an Schulen und der therapeutischen Arbeit mit Mädchen und Jungen.
Heidemarie Jung, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Pressekonferenz

BEGRÜSSUNG
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
über die Einladung zur heutigen PK haben wir uns sehr gefreut.

KURZVORSTELLUNG Dunkelziffer

Seit 26 Jahren setzt Dunkelziffer e.V. sich für Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erfahren haben ein. Unser Verein versteht sich als Einrichtung, die informierend, helfend und vernetzend tätig ist. Wir helfen mit Beratung, Prävention Aufklärung, Fortbildung und im Großraum Hamburg mit Therapie.
Dunkelziffer e.V. bietet seit vielen Jahren Präventionsprojekte in Kitas und Schulen an.
In der Präventionsarbeit vermitteln wir u.a. den Kindern im Klassenverband:
• Ich habe ein Recht NEIN zu sagen!
• Was ist sexueller Missbrauch an Kindern?
• Wie kann ich mich vor sexuellen Übergriffen durch Kinder, Jugendliche und Erwachsene schützen und wo bekomme ich Hilfe?

Speziell auf die Gefahren der digitalen Medien weisen wir mit den Präventionsprojekten „Online sein. Smart sein“ und „Stark machen. Klasse sein“ hin, in denen wir Basiswissen vermitteln über
- Mediennutzung und Kommunikationsformen Kinder und Jugendlicher
- Formen sexualisierter Kommunikation
- Sexting/Mobbing/Cybermobbing
- Sexuellen Missbrauch/Cyber-Grooming
Ziel der Präventionsarbeit ist es, mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch über sexuelle Gewalt und die Gefahren der digitalen Medien zu kommen. Wir möchten sie nachhaltig informieren und dafür sensibilisieren, dass sie ihren eigenen Ja- und Nein-Gefühlen trauen und befähigt werden, wahrzunehmen, wenn sie selbst Grenzen überschreiten oder jemand ihre Grenzen missachtet.

BEZUGNAHME ZUM THEMA OP Leichtsinn
Wir alle wissen, dass das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen heute von digitalen Medien begleitet wird und die Mädchen und Jungen viel früher eigene Erfahrungen machen und das ausprobieren, was gerade aktuell ist. Nach wie vor sind das gegenseitige Zusenden und Vorzeigen von Videos und Bildern untereinander weit verbreitet. Oft sind es harmlose Bilder und Filme. Aber es werden auch altersunangemessene Filme und Bilder verschickt, die verstörenden Inhalt und Folgen haben können.
Bei den Bildern empfinden sie erfahrungsgemäß Ekel und Entsetzen. Weil sie jedoch dazu gehören möchten, machen sie mit und verleugnen ihre eigenen Gefühle. Aus der Verunsicherung heraus lachen sie und interpretieren die Bilder als witzig.
Der Wunsch der Zugehörigkeit ist so groß, dass sie die zugesandten Bilder nicht negativ kommentieren. Wer sie auch noch weiterleitet, gilt in der Gruppe als mutig und wissend.
Um dieser Entwicklung Herr zu werden, bedarf es eines großen Zusammenspiels all derer, die für die Entwicklung eines Kindes verantwortlich sind. Es müssen Regeln aufgestellt werden, an die sich alle halten - vom Elternhaus bis zu den Pädagogen.


Aus unserem Alltag wissen wir, wie wichtig und dringlich es ist, Kinder und Jugendliche konkret darauf hinzuweisen, dass sie Strafbares tun, wenn sie Bilder mit sexuellen Inhalten herstellen und weiterschicken oder Dateien, die den Missbrauch anderer Kinder darstellen, weiterleiten. Deshalb begrüßen wir die heutige Initiative des Bundeskriminalamtes sehr, mit der auf die zunehmende Verbreitung von Kinderpornografie - dem heutigen Sprachgebrauch entsprechend Missbrauchsabbildungen - durch Kinder und Jugendliche aufmerksam gemacht wird.
Das Entwicklungsalter 12-16 – und um Tatverdächtige, die mehrheitlich in diesem Alter sind geht es ja heute - ist gekennzeichnet von Widersprüchen, die den Mädchen und Jungen nicht bewusst sind. Das Hauptinteresse ist meist: Wie erreiche ich, dass mein Gegenüber mich so attraktiv wie möglich wahrnimmt? Die Jugendlichen sind erfinderisch und äußerst beeindruckend im Ausblenden von Unangenehmen – auch möglicherweise drohenden Strafen - und Hervorheben von allem, was hip ist. Wer nicht mitmacht, ist out.
Die eigene Meinungsbildung ist jedoch in diesem Entwicklungsalter noch nicht abgeschlossen, obwohl die Jugendlichen dies behaupten. Deshalb schließen sie sich dem Mainstream ihrer Altersgruppe an. Das, was veröffentlicht und so weit verbreitet ist, kann doch nicht falsch sein, ist ihre Meinung.
Die Erlebenswelten und Bedeutung von Worten und Symbolen unterscheiden sich sehr von denen der Erwachsenen. Wir als Erwachsene sind über das, was wir heute im Rahmen dieser PK hören schockiert und fassungslos – aber wir müssen uns diese Erlebniswelt von den Kindern und Jugendlichen erklären lassen und hinterfragen. Hier herrscht aber zwischen Eltern, Lehrern, Betreuern und sonstigen erwachsenen Bezugspersonen auf der einen und Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite ein Stück weit „Sprachlosigkeit“ und Unverständnis.
Die neuen Bezugspersonen und Vorbilder - Influencer wie z.B. ConCrafter Luca oder Bibi – werden von Kindern und Jugendlichen in ihren Blogs und Channels gehört, wenn sie auf die Fallen und Gefahren aufmerksam machen. Das müssen wir uns zunutze machen.

Diese neuen Bezugspersonen werden gehört und geliked, sind für Kinder und Jugendliche glaubhaft und authentisch in ihren Tipps und Warnungen.
Wir laden deshalb YouTuber, Blogger und Influencer deren Anhänger aus dem Altersspektrum 12-18 Jahre kommen herzlich dazu ein, gemeinsam mit uns und alle interessierten und relevanten Parteien über Möglichkeiten und Wege zu diskutieren, wie wir Ihre Kompetenz und Reichweite in die relevante Zielgruppe dazu nutzen können, Kinder und Jugendliche besser als davor zu schützen, Opfer von Straftaten zu werden, aber eben auch davor bewahren, sich leichtsinnig selbst strafbar zu machen.
Kurz erwähnen möchten wir neben den Themen Versenden von Nacktbildern und Missbrauchsabbildungen auch die wichtigen Themen Grooming und Sexting.
In der Regel kennen die Kinder und Jugendlichen die Risiken, glauben aber, dass sie alles unter Kontrolle haben. Besonders dann, wenn sie schon über einen längeren Zeitraum ein vermeintliches Vertrauensverhältnis mit ihrem Kommunikationspartner aufgebaut haben. Häufig blenden sie die Risiken aus, fühlen sich gesehen, geachtet und aufgewertet.
Sie erzählen, dass sie sich schon öfter in ihre Chatpartner verliebt und bedenkenlos Nacktbilder mit sexuellen Inhalten verschickt haben. Wir erfahren auch, jedoch nicht im Klassenverband, wenn einige von ihnen danach bedrängt und sogar damit erpresst werden. Sie haben Angst und wenden sich hilfesuchend an uns.

FAZIT
Leider machen wir immer wieder die Erfahrung, dass viel zu wenig Schulen die Präventionsangebote annehmen. Meistens deshalb, weil keine Ressourcen – finanzielle und personelle – dafür zur Verfügung stehen.
Dabei könnte man Kinder und Jugendliche deutlich besser schützen, denn wir wissen, dass aufgeklärte und informierte Kinder sowohl aufmerksamer für bestehende Verbote sind als auch sexuelle Übergriffe wesentlich schneller erkennen und sich Hilfe holen können.

Ein Leben ohne die digitalen Medien ist heute nicht mehr vorstellbar. Und so sollte es für die Sicherheit unserer Kinder selbstverständlich sein, den Umgang mit diesen Medien in den schulischen Alltag und den Lehrstoff zu integrieren. Nur dann gelingt es, Kinder und Jugendliche vor dem Trauma sexueller Übergriffe im Internet zu bewahren und gleichzeitig geltende Verbote und damit die Würde missbrauchter Kinder zu achten. Denn wie verheerend es den Kindern geht, von denen Nacktbilder im Netz kursieren, das wissen wir aus unseren Beratungen und Therapien.

Es wäre schön, wenn wir mit der heutigen PK eine breite Öffentlichkeit und die für den Schutz der Kinder verantwortlichen Erwachsenen – wie Eltern, Erziehungsberechtigte und pädagogische Fachleute erreichen. Aber auch die Politik ist gefordert, denn wir alle wissen, dass in den Schulen und sogar schon in den Kindergärten dafür finanzielle und personelle Ressourcen freigestellt werden müssen. Hier passiert noch deutlich zu wenig.

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